Ich gebe zu, der Titel meiner Trageberatung ist irreführend. Mit "Hauptsache Tragen" ist ausdrücklich nicht gemeint, dass mir egal ist, was ihr tut, Hauptsache ihr tragt irgendwie. Sondern vielmehr, dass Tragen ein wichtiger Grundstein für bedürfnisorientierte Elternschaft sein kann und dass das Tragen an sich einfach wichtig ist. An den Feinheiten arbeiten wir dann gemeinsam.

So, warum genau ist das Tragen denn so wichtig? Weil wir Menschen Traglinge sind. Das ist nicht so dahergesagt, sondern biologisch so definiert. Es gibt Nesthocker, die völlig hilflos geboren werden, daher anfangs ausschließlich zu Hause bleiben und von ihren Eltern mit lange sättigenden Lebensmitteln gefüttert werden - viele Vögel beispielsweise gehören dazu. Dann haben wir noch die Nestflüchter, die von Anfang an in ihrer Herde mitlaufen, wie zum Beispiel Pferde. Und als dritte Art eben die Traglinge, die motorisch anfangs noch nicht in der Lage sind, selbstbestimmt mitzulaufen, aber sehr auf ihre Mütter fixiert sind und sich daher an ihr festklammern - das sind die Traglinge. Daher haben unsere Kinder auch diese spezifischen Reflexe wie den Moro-Reflex oder den Greifreflex. Und deswegen lassen sie sich in den allermeisten Fällen nicht ablegen, schlafen nicht allein ein, etc.

Nun geht es in der heutigen Zeit in unserer Industrienation sehr in Richtung Distanz. Das Baby soll im eigenen Bett schlafen, am besten gar im eigenen Zimmer (Experten sprechen sich übrigens explizit dagegen aus, der Wunschkind-Blog hat dazu einen sehr guten Artikel). Und es hat doch bitte im Kinderwagen zu liegen. Wusstet ihr aber, dass der menschliche Körper dafür gar nicht gemacht ist? Seid ihr schon mal z.B. im Krankenbett durch die Gegend gefahren wurden? Fühlt sich komisch an, oder? Das Baby kann den Schiebenden ja anfangs nicht mal wirklich sehen. Die Stöße, die auf die Wirbelsäule durchs Schieben einwirken, können nicht durch die Bandscheiben aufgefangen werden. Kurzum: Das Baby will getragen werden! (Nichtsdestotrotz gibt es Kinder, die gerne in den  Kinderwagen gehen.) Auch Dr. Herbert Renz-Polster, der berühmte Kinderarzt, hat einen hervorragenden Artikel zum Tragen von Babys geschrieben.

 

Wird das Baby ergonomisch korrekt getragen, kann die Hüfte optimal reifen. Hüftdysplasien sind so deutlich seltener. Der Rücken ist anfangs noch C-förmig gebogen (was im Kinderwagen nicht möglich ist) und erhält im Tragetuch oder in der Tragehilfe trotzdem genug Stütze. Die Reifung der Wirbelsäule zur Doppel-S-Kurve, wie wir Erwachsenen sie haben, kommt übrigens mit Erwerb der motorischen Meilensteine: Unterarmstütz, Krabbeln, selbstständiges Sitzen, freies Stehen und Laufen. 

Was bedeutet denn, ergonomisch korrekt zu tragen? Folgende Punkte müssen erfüllt sein:

  •  Die Atmung muss gewährleistet sein. Die Nasenlöcher müssen parralel zum Boden gerichtet sein, es dürfen sich keine CO2-Nester bilden
  •  Stützung im Kopf-/Nackenbereich - bis zum Erwerb der Kopfkontrolle immer, danach beim Schlafen
  •  Stützung des Rückens, z.B. durch eine ergonomische Tragehilfe, ein einlagig gebundenes festes Tuch oder ein dreilagig gebundenes elastisches Tuch
  •  Anhock-Spreiz-Haltung: Das Kind ist zu ca. 110° angehockt und die Beine sind zu 60-90° gespreizt, so dass sie wie ein umgedrehtes W aussehen. Der Steg muss dabei von Kniekehle zu Kniekehle gehen.

Habt ihr noch Fragen? Kann ich euch bei etwas behilflich sein? Kontaktiert mich gerne, ich bin für euch da 😊